Manon Lescaut – Deutsche Oper Berlin – 19.12.2019

Besprechung von Markus Guggenberger

Manon Lescaut

Lyrisches Drama in vier Akten

Musik von Giacomo Puccini
Libretto von Giacomo Puccini, Ruggero Leoncavallo, Marco Praga, Domenico Oliva, Luigi Illica, Giuseppe Giacosa, Giulio Ricordi und Giuseppe Adami

Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Gilbert Deflo
Bühnenbild und Kostüme: William Orlandi
Einstudierung des Chores: Jeremy Bines
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski

Am 19. Dezember 2019 bringt die Deutsche Oper Berlin die Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ zur Aufführung und und zeigt damit eine der berühmten und Kult gewordenen Inszenierungen von Gilbert Deflo, die sich bereits seit Dezember 2004 erfolgreich als Repertoire-Vorstellung auf dem Spielplan des Hauses hält. Deflo gehört neben Götz Friedrich, Otto Schenk, John Dew und Pier Luigi Pizzi zu jener legendären Gruppe von Regisseuren, die mit ihren klassischen Inszenierungskonzepten weltweit Maßstäbe gesetzt und damit Operngeschichte geschrieben haben. So gilt Deflo als einer der einflussreichsten Oper-Regisseure des vergangenen 20. Jahrhunderts, da er das Publikum seit je her mit ästhetischen und weitgehend werktreuen Produktionen in seinen Bann zieht. Zu erwähnen ist, dass Deflo als Schüler Giorgio Strehlers, jenem renommierten Theatermacher Italiens, einen der fähigsten und begnadetsten Regisseure zum Vorbild hatte. Besonders in seinen künstlerischen Anfängen verinnerlichte Gilbert Deflo die Regiekunst Strehlers am Piccolo Teatro in Mailand, die ihn nachhaltig und jahrzehntelang prägen sollte. Sein internationaler Durchbruch als Opern-Regisseur gelang ihm mit „Die Liebe zu den drei Orangen“ an der Oper Frankfurt im Jahre 1973. Bis heute hat Gilbert Deflo an sämtlichen internationalen Opernbühnen inszeniert und kann auf eine höchst erfolgreiche Arbeit von über 150 Produktionen zurückblicken. Viele Bühnenbilder und Kostüme seiner Inszenierungen wurden in Kooperation mit dem italienischen Designer William Orlandi realisiert – beide verbindet eine langjährige Zusammenarbeit und enge Freundschaft.
Um den Inhalt, die Darstellung und vor allem die Personenregie der Inszenierung von Gilbert Deflos „Manon Lescaut“ besser nachvollziehen zu können, bedarf es einer genauen Kenntnis über die Entstehungszeit und Geschichte dieses Bühnenwerkes.Manon Lescaut - Deutsche Oper Berlin (c) Bettina Stöß 3.jpg

Nachdem Giacomo Puccini seine zweite Oper „Edgar“ im Jahre 1889 am Teatro alla Scala mit wenig berauschendem Erfolg zur Uraufführung gebracht hatte, suchte er unmittelbar im Anschluss nach einem neuen und vor allem brauchbaren Opernsujet. Im Zuge dessen nahm er zunächst mit Antonio Ghislanzoni, dem Librettisten von Giuseppe Verdis „Aida“, Kontakt auf – doch Puccini musste einen herben, persönlichen Rückschlag einstecken, denn dieser erteilte ihm eine unschöne Absage. Obwohl Puccini zunächst eine komische Oper geplant hatte, fand er im Stoff rund um „Manon“ schließlich die ideale Vorlage für eine lyrische Tragödie. Wie genau das Libretto zu diesem Bühnenwerk entstanden ist, ist ein Kuriosum der Musikgeschichte und kann nicht genau eruiert werden. Musikwissenschaftlich lässt sich ein großer, elitärer Kreis an Literaten Giacomo Puccini Portrait - urheberrechtsfreiausmachen, der an der Urheberschaft von „Manon Lescaut“ beteiligt gewesen sein muss. Darunter befinden sich bedeutende Größen der Textbuch-Schriftstellerei: Marco Praga, ein italienischer Dramatiker, entwarf vor allem das grundlegende Szenarium, der Komponist Ruggero Leoncavallo legte dabei die Dialoge fest und der Journalist Domenico Oliva erarbeitete die meisten Verse. Darüber hinaus waren der berühmte Verleger Giulio Ricordi und der Librettist Luigi Illica maßgeblich an der Erarbeitung gewisser Teile des Textbuches beteiligt – bei Meinungsverschiedenheiten fungierte Giuseppe Giacosa als Streitschlichter. Den Hauptanteil am Libretto dürfte wohl Giacomo Puccini selbst gehabt haben, da er für den „Manon“-Stoff eine besonders Faszination hegte. Als es im Rahmen der Erarbeitung des Dritten Aktes – „Im Hafen von Le Havre“ – zu Querelen innerhalb des Autorenverbundes kam, wollte keiner der Beteiligten die endgültige Urheberschaft des Textbuches zu „Manon Lescaut“ auf sich nehmen. Demzufolge blieb das Libretto namenlos. Die Oper basierte auf dem gesellschaftskritischen Roman „Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut“, der aus der Feder des französischen Schriftstellers Antoine-François Prévost d’Exiles – kurz Abbé Prévost – stammte. Was Puccini an dieser Prosa faszinierte, war die spannungsreiche Psychologie, die zum ersten Mal in einem Rokoko-Roman vorzufinden war. Besonders von der Titelheldin seiner Oper war Puccini derart angetan, dass er sich überschwänglich in das kompositorische Schaffen stürzte. „Manon Lescaut“ entstand in den Jahren zwischen 1890 und 1892 in Lucca, Mailand und Torre del Lago. Am 1. Februar 1893 brachte Puccini seine „Manon“ im alten Teatro Regio in Turin zur Uraufführung. Der musikalische Erfolg war derart überwältigend und triumphal, wie er Puccini nie wieder in seiner kompositorischen Karriere beschieden sein sollte.Manon Lescaut - Deutsche Oper Berlin (c) Bettina Stöß 1.jpg

Dirigat und Orchester
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin steht an diesem Abend von „Manon 01_Runnicles, Donald (c) Leo Seidel_DOBLescaut“ unter der musikalischen Leitung des Generalmusikdirektors Donald Runnicles. Er gilt als kundiger Vertreter seines Fachs und beweist Saison für Saison, dass er neben dem klassischen Opernrepertoire von Richard Wagner, Richard Strauss und Wolfgang Amadeus Mozart auch Kompositionen von Leoš Janáček, Benjamin Britten oder Dmitri Schostakowitsch präzise und auf hohem Niveau beherrscht. Runnicles’ Interpretation von „Manon Lescaut“ kann in ihrer Gesamtheit als recht passabel, aber durchaus schwankend bezeichnet werden, wobei die Ambivalenz hauptsächlich dadurch definiert ist, dass sich die ersten beiden Akte im orchestralen Niveau deutlich von den Aufzügen Drei und Vier unterscheiden. Die Schwierigkeit bei „Manon Lescaut“ besteht darin, eine Ausgewogenheit an schwelgerisch-süßem Verismo und temperamentvoller, beinahe verdianischer Dramatik zu finden, ohne dabei die Eigentümlichkeit Puccinis zu untergraben. So mangelt es besonders im Ersten Akt an orchestraler Frische und Ausdruckskraft, was sich vor allem in einer wenig ästhetischen Inhomogenität der einzelnen Orchestergruppen bemerkbar macht. Auch die pastellenen Klangfarben im Zweiten Akt erscheinen bei den süßlichen Madrigalen und Menuetten uninteressant und monoton. Wie ausgewechselt präsentiert sich das Orchester der Deutschen Oper Berlin hingegen nach der Pause. Die geheimnisvolle Spannung, die während der Verlesung der inhaftierten Dirnen im Hafen von Le Havre vorherrscht, ist handwerklich ideal erarbeitet und imponiert auf Grund theatralischer und klangintensiver Ausbrüche. Hingebungsvoll pathetisch widmet sich Runnicles dem lyrisch-dramatischen letzten Akt in der Wüste, in dem er der tiefen Verzweiflung Manons und Des Grieuxs ein wehvolles und tragisch-veristisches Klangkolorit verleiht.
Fazit:
Donald Runnicles gelingt es in dieser Vorstellung von „Manon Lescaut“ nur bedingt die veristischen Klangwelten Puccinis in voller Brillanz darzubieten! Besonders in den ersten beiden Akten dominiert eine Unausgewogenheit im orchestralen Zusammenspiel, weshalb man eher von einer belanglosen Repertoire-Vorstellung sprechen kann! Dass das musikalische Niveau im Laufe des Abends noch deutlich angestiegen ist, ist dem Generalmusikdirektor hoch anzurechnen – demnach kann dennoch relativ positiv auf diese Aufführung zurückgeblickt werden!Manon Lescaut - Deutsche Oper Berlin (c) Bettina Stöß 4.jpg

Besetzung

Manon Lescaut: Tatiana Serjan
Sergeant Lescaut: Noel Bouley
Chevalier Des Grieux: Brian Jagde
Geronte De Ravoir: Stephen Bronk
Edmondo: Ya-Chung Huang
Wirt: Timothy Newton
Ballettmeister: Burkhard Ulrich
Musikant: Anna Buslidze
Sergeant: Padraic Rowan
Lampenanzünder: Paul Kaufmann
Schiffskommandant: Samuel Dale Johnson
Madrigal: Heidrun Häßner
Madrigal: Nicole Drees
Madrigal: Mahtab Keshavarz
Madrigal: Saskia Klumpp

Besonders hervorzuheben ist:

Chevalier Des Grieux: Brian Jagde

Für die Rolle des Chevalier Des Grieux konnte der US-amerikanische Tenor Brian Jagde Brian Jagde - Portrait (c) Fay Foxverpflichtet werden, der sich in den letzen Jahren an den führenden Opernhäusern mit einem breitgefächerten Repertoire einen Namen gemacht hat. Zu seinen Paraderollen zählen u.a. Partien wie Don José („Carmen“), Mario Cavaradossi („Tosca“) und Der Fremde („Das Wunder der Heliane“). In „Manon Lescaut“ verkörpert er den heimlichen Geliebten der Titelfigur auf sagenhaft hohem, tenoralem Niveau, wobei vor allem die berühmte Arie „Donna non vidi mai simile a questa!“ im Ersten Aufzug erwähnt werden muss. Die Strahlkraft seines hellen und ungemein heldisch timbrierten Tenors lässt zwar ein My an Italianità vermissen, doch seine vokale Attraktivität und Frische verliehen dieser Rolle eine vortreffliche und charismatische Juvenilität. Besonders die anrührende Mittellage und die souveräne Präsenz seiner Spitzentöne bilden die Grundlage für eine beherzte und gleichsam intensive Geschmeidigkeit innerhalb des Gesangsflusses. Die Höhen erklimmt Jagde mit vokaler Leichtigkeit und einer ausgereiften Gesangstechnik, wodurch der Wohlklang und die Lyrik dieser Partie zur Selbstverständlichkeit werden. Sein enormes Stimmvolumen kommt nicht nur bei ausgewählten Solo-Passagen, sondern auch bei Duetten, wie z.B. bei „Tu, tu, amore? Tu?! – Ah, Manon!“, hervorragend zur Geltung und bietet damit der lautstarken Interpretation Tatiana Serjans als Manon Lescaut deutlich Paroli. Auch in der finalen Sterbeszene Manons begeistert Brian Jagde mit schmachtend inbrünstigen, aber kontrolliert geführten Phrasierungen, um seiner Verzweiflung authentischen Ausdruck zu verleihen.
Fazit:
Für die Partie des Chevalier Des Grieux ist Brian Jagde auf Grund seines klangschönen sowie außerordentlich heldisch timbrierten Tenors mustergültig besetzt und überzeugt zudem mit einer transparenten und glaubwürdigen Darstellung! Mit seinen ausdrucksstarken und klar geführten Spitzentönen singt sich Jagde in die Herzen des Publikums! Bravo!

© Markus Guggenberger

Titelbild: http://www.deutscheoperberlin.de – Pressemappe (Gideon Poppe, Sondra Radvanovsky, Stefano La Colla) / Photo-©: Bettina Stöß – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

Abb.1: http://www.deutscheoperberlin.de – Pressemappe (Burkhard Ulrich, Sondra Radvanovsky) / Photo-©: Bettina Stöß – honorarfrei
Abb.2: http://www.wikipedia.de (Giacomo Puccini) / Photo-©: N.N. – urheberrechtsfrei
Abb.3: http://www.deutscheoperberlin.de – Pressemappe (Gideon Poppe, Chor) / Photo-©: Bettina Stöß – honorarfrei
Abb.4: http://www.deutscheoperberlin.de – Pressemappe (Donald Runnicles) / Photo-©: Leo Seidel – honorarfrei
Abb.5: http://www.deutscheoperberlin.de – Pressemappe (Chor, Statistinnen, Sondra Radvanovsky, Stefano La Colla) / Photo-©: Bettina Stöß – honorarfrei
Abb.6: http://www.inartmanagement.com (Brian Jagde) / Photo-©: Fay Fox (Permission: Nicola Salmoiraghi)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s