Falstaff – Staatsoper Berlin 29.1.2020

Besprechung von Markus Guggenberger

Falstaff

Commedia lirica in drei Akten

Musik von Giuseppe Verdi
Libretto von Arrigo Boito nach „The Merry Wives of Windsor“ und „King Henry IV“ von William Shakespeare

Musikalische Leitung: Zubin Mehta
Inszenierung: Mario Martone
Bühnenbild: Margherita Palli
Kostüme: Ursula Patzak
Choreographie: Raffaella Giordano
Licht: Pasquale Mari
Einstudierung des Chores: Martin Wright

Am 29. Januar 2020 bringt die Staatsoper Berlin mit der Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis „Falstaff“ das letzte Bühnenwerk des Komponisten und damit dessen musikalisches Vermächtnis zur Aufführung. Es handelt es bei „Falstaff“ – neben „Aida“, „La traviata“ und „Nabucco – wohl um das bekannteste Bühnenwerk Verdis, das nicht nur dem versierten Fach-, sondern auch einem breiten Laienpublikum ein Begriff sein Giuseppe Verdi - urheberrechtsfreidürfte. Für die Inszenierung von „Falstaff“ konnte der renommierte italienische Film- und Theaterregisseur Mario Martone gewonnen werden, dem 1984 mit dessen Langfilm „Morte di un matematico napoletano“ sein künstlerischer Durchbruch gelang. Bei den Filmfestspiele in Cannes gewann er 1995 mit „L’amore molesto“ den begehrten Filmpreis „David di Donatello“. 1999 wurde Martone Direktor des römischen „Teatro Argentina“ und debütierte mit Inszenierungen der drei Da-Ponte-Opern „Così fan tutte“, „Don Giovanni“ und „Le nozze di Figaro“. Seither ist er regelmäßiger Gast-Regisseur beim „Rossini-Festival“ in Pesaro, wo er mit Produktionen wie „Aureliano in Palmira“, „Torvaldo e Dorliska“ sowie „Matilde di Shabran“ reüssiert hat. Die Premiere von Verdis „Falstaff“ an der Staatsoper Berlin fand am 25. März 2018 statt – bei dieser Aufführung handelt es sich mittlerweile um die neunte Vorstellung. Um den Inhalt, die Darstellung und vor allem die Personenregie der Inszenierung von Mario Martones „Falstaff“ besser nachvollziehen zu können, bedarf es einer genauen Kenntnis über die Entstehungszeit und Geschichte dieses Bühnenwerkes.Falstaff - Staatsoper Berlin (c) Matthias Baus 1Als seine Oper „Otello“ am 5. Februar 1887 in Anwesenheit der gesamten gesellschaftlichen Elite Italiens eine glanzvolle Uraufführung erlebte, sah sich Giuseppe Verdi eigentlich am Ende seines kompositorischen Schaffens angekommen. Rund zwei Jahre sollten vergehen, bis Arrigo Boito, sein vertrauter Librettist, ihn im Frühsommer 1889 auf den Stoff von Shakespeares „The Merry Wives of Windsor“ aufmerksam machte. Verdi war von diesem Sujet derart begeistert, dass für ihn feststand eine weitere Oper zu komponieren – doch auf Grund seines fortgeschrittenen Alters wollte er seine Pläne vorerst im Geheimen halten. Verdi beauftrage Arrigo Boito das Libretto zu „Falstaff“ anzufertigen, auch wenn er dabei einige Gewissensbisse hatte, da dieser Arrigo Boito - Portrait (c) N.N. - urheberrechtsfreigerade intensiv an seiner Oper „Nerone“ arbeitete – doch Boito erklärte sich bereit in absehbarer Zeit die ersten Skizzen vorzulegen. Zu Beginn seines Vorhabens hatte Verdi dennoch einige Bedenken: Die grimmig-komische Geschichte rund um den dicken, alten Lebemann Sir John Falstaff war ja bereits von Otto Nicolai zu einer erfolgreichen romantisch-komischen Oper geformt worden. Im Wesentlichen schlug Boito inhaltlich aber dieselben Handlungswege wie Salomon Hermann Mosenthal, der Librettist Nicolais, ein, aber der Unterschied zwischen beiden Textbüchern wird schon in den verschiedenen Titeln deutlich: Sind es bei Nicolai und Mosenthal die „lustigen Weiber“, die den Ton angeben, so rückt bei Verdi und Boito Sir John Falstaff selbst in den Mittelpunkt des komödiantischen Bühnenwerkes. Hier ist Falstaff nicht nur der Typus eines heruntergekommenen, durchaus wählerischen Raubritters, sondern er wird zum tragikumwobenen Helden, der mit listiger Überlegenheit und hedonistischer Lebensphilosophie ein moralisches Fazit aus dem Narren-Spiel zu ziehen vermag. Zur inhaltlichen Vertiefung „Falstaffs“ bediente sich Boito neben Shakespeares „The Merry Wives of Windsor“ darüber hinaus auch an einigen Motiven und Szenen aus dessen Schauspiel „King Henry IV“.
Die historisch überlieferte Grundlage für Shakespeares Sir John Falstaff bildete Sir John Oldcastle, jener Anführer der englischen Lollarden, der als Wyclif-Anhänger im Jahre 1417 für Hochverrat, Ketzerei und Häresie zum Tode verurteilt wurde und im Tower von London einsaß. William Shakespeare ließ die Figur des Falstaff erstmals in seinem zweiteiligen Königsdrama „King Henry IV“ auftreten und charakterisierte ihn in vielfältiger Art und Weise sowohl als Vertreter des untergehenden Adels, als auch als Narren, Säufer, Grandseigneur sowie charismatischen Casanova und schwadronierenden Lebenskünstler.Falstaff - Staatsoper Berlin (c) Matthias Baus 2
Innerhalb kürzester Zeit ließ Arrigo Boito Verdi die ersten Textentwürfe zukommen – dieser las die Skizzen mit größtem Vergnügen, da die inhaltliche Dramaturgie und die Aufteilung der Akte weitgehend seinen Vorstellungen von einer geistigen, feinkomischen sowie menschlich realistischen Musikkomödie entsprachen. Der Erste Akt wurde von Giuseppe Verdi - Foto von Giacomo BrogiVerdi im Frühjahr des Jahres 1890 innerhalb von nur wenigen Wochen fertiggestellt – im Sommer jedoch stagnierte die Arbeit an „Falstaff“ und fand erst im Herbst ihre lange und mühselige Fortsetzung. Nach drei schleppenden Schaffensjahren war die Oper „Falstaff“ schließlich vollendet. Im Anschluss war nur noch eine Frage zu klären, ob das Auditorium des Mailänder Teatro alla Scala nicht zu groß für die kammermusikalische Orchestrierung sei. Verdi schwankte zwischen der Scala Mailands und dem Teatro in Sant’ Agata – doch die Wahl viel schließlich auf Verdis Stammhaus. Am 9. Februar 1893 wurde die Premiere von „Falstaff“ unter der musikalischen Leitung von Edoardo Mascheroni mit Victor Maurel in der Titelpartie zur Uraufführung gebracht. Mit „Tutto nel mondo è burla“ und unter dem Höllengelächter Falstaffs verabschiedet sich Giuseppe Verdi von seinem Publikum und vom Genre der Oper, dem er sein langes, arbeitsreiches Leben in höchster Potenz gewidmet hat.Falstaff - Staatsoper Berlin (c) Matthias Baus 3

Dirigat und Orchester
Für die musikalische Leitung dieser „Falstaff“-Wiederaufnahme konnte anstelle von Daniel Barenboim der indische Star-Dirigent Zubin Mehta gewonnen werden, der mit 83 Jahren als eine Koryphäe des Kapellmeister-Handwerks gilt und zweifelsohne als Legende bezeichnet werden kann. Als Ehrendirigent der Staatskapelle kehrt er regelmäßig an die Staatsoper Unter den Linden zurück und hat zuletzt mit grandiosen Strauss-Interpretationen, wie z.B. bei „Die Frau ohne Schatten“ und „Salome“, reüssiert. Darüber hinaus gilt er als versierter Verdi-Spezialist – dies bewies er im April 2019 mit einer fulminanten „Otello“-Aufführung in der Berliner Philharmonie. Mehta demonstriert in dieser Wiederaufnahme mit Bravour, dass es sich bei „Falstaff“ um eine  ausgewiesene Commedia lirica handelt, da das Orchester klanglich und strukturell über eine herrlich vorantreibende Leichtigkeit und Losgelöstheit verfügt. So entlockt Mehta der Staatskapelle gekonnt den in der Partitur enthaltenen Witz und die Ironie, aber auch die hintergründige Güte, die diesem Werke seine Attraktivität verleihen. Mehtas Dirigat imponiert vor allem ob seiner Transparenz und klanglichen Differenziertheit, wodurch die orchestral werkimmanenten Stolperfigurationen, Tonleitern, Zierfloskeln und Triller deutlich und ästhetisch zur Geltung kommen. Besonders die melodische Schlagkraft und der dramatische Impuls von Mehtas Stabführung sind das Ergebnis einer fulminant interpretierten Partitur. Auf Grund der jahrzehntelangen Erfahrung mit dem Opern-Repertoire Verdis vermag er zudem hinreißende Spannungsbögen aufzubauen, wie sich im oftmaligen Aufbäumen des Orchester zu vernehmen ist. Dass Mehta aber auch zu sinnlicher, verdianischer Romantik fähig ist, zeigt sich vor allem im Dritten Akt beim berühmten, bacchantischen Elfenspuk.
Fazit:
Zubin Mehta leitet die Staatskapelle mit routiniertem, aber stringentem Strich, sodass zahlreiche Vitalitätsausbrüche im Rahmen einer wohl erarbeiten, dramatischen Steigerung imponieren! Besonders hervorzuheben ist Mehtas Auffassung, Verdis „Falstaff“ in Summe überwiegend buffoesk und humoristisch erklingen zu lassen, ohne, dass es dabei an nötiger Seriosität mangelt! Bravo!

Besetzung

Sir John Falstaff: Lucio Gallo
Ford: Alfredo Daza
Fenton: Francesco Demuro
Dr. Cajus: Jürgen Sacher
Bardolfo: Stephan Rügamer
Pistola: Jan Martiník
Mrs. Alice Ford: Barbara Frittoli
Nannetta: Slávka Zámečníková
Mrs. Quickly: Daniela Barcellona
Mrs. Meg Page: Cristina Damian

Besonders hervorzuheben sind:

Sir John Falstaff: Lucio Gallo
Nannetta: Slávka Zámečníková

Für die Titelpartie in Verdis „Falstaff“ konnte der renommierte Bass-Bariton Lucio Gallo verpflichtet werden. Gallo, der vor allem im italienischen Fach Verdis seine musikalische Heimat gefunden hat, reüssiert seit Beginn der 1990er Jahre an den großen Opernhäusern mit Partien wie Barone Scarpia („Tosca“), Giorgio Germont („La traviata“), „Don Pasquale“ und „Macbeth“. Er gilt demzufolge zu Recht als einer der besten Fach-Vertreter seiner Generation und präsentiert in dieser Wiederaufnahme einen kernigen und überaus vollmundig-satten Bariton, der zudem ob seiner markanten Robustheit imponiert. Trotz seiner schlanken Statur meistert Lucio Gallo die tückenbehaftete und nicht zu unterschätzende Partie von Falstaff auf hohem darstellerischen und gesanglichen Niveau, sodass der umtriebige sowie launenhafte Charakter hervorragend und humoristisch zur Geltung kommt. Auf Grund seines markigen Timbres in der Mittellage ist sein Bariton für das rollenimmanente Parlando geradezu prädestiniert, wodurch auch die Deutlichkeit der Wortgestaltung enorm profitiert. Neben den hinreißend buffoesk vorgetragenen Dialogen, ist Gallo darüber hinaus auch zu ariösen und spannungsgeladenen Ausschweifungen fähig, wie sich vor allem im hochanspruchsvollen Monolog Falstaffs „L’Onore! Ladri! – Olà! Lesti! Lesti! Al galoppo!“ zeigt. Gallos Tessitura reicht dabei von einem sonor-saturierten tiefen Register zu einer kultivierten hohe Lage, die mit weitreichendem Volumen einhergeht. Seine Darstellung zeichnet sich durch engagierte Spielfreude aus und lässt auch den nötigen Witz keineswegs vermissen.
Fazit:
Mit Lucio Gallo konnte einer der derzeit gefragtesten Rollen-Interpreten für die Partie von Falstaff gewonnen werden! Auf Grund seines voluminösen, ausdrucksstarken sowie elegant geführten Baritons wird Gallo zurecht vom Publikum frenetisch gefeiert! Bravo!

Anstelle der kurzfristig erkrankten Nadine Sierra konnte für die Rolle der Nannetta die slowakische Sopranistin Slávka Zámečníková gewonnen werden, die der Staatsoper als ehemaliges Mitglied des Opernstudios recht eng verbunden ist – im Rahmen ihres plötzlichen Einspringens gibt sie als Nannetta auch ihr Rollendebüt. Zámečníková verfügt über einen jugendlich-lyrischen Sopran, der sich vor allem im hohen Register durch eine enorme Stimmfrische und Juvenilität auszeichnet. Auf Grund dessen, dass es sich bei Zámečníková um keine ausgewiesene Koloratursopranistin handelt, ist es umso erstaunlicher mit welch ausgeprägter Präzision sowie Stimm- und Atemkontrolle sie diese anspruchsvoll hohe Partie meistert. Sämtliche Phrasierungen und Aufschwünge imponieren durch ihre vermeintliche Leichtigkeit und nehmen dadurch einen elfenhaften Charakter an. Die sopranistischen Höhen von Nannettas berühmter Arie „Sul fil d’un soffio etesio“ im Dritten Akt werden klangschön ersungen und faszinieren ob ihrer Reinheit und technisch beeindruckenden Atemkontrolle. Auch in sämtlichen Duetten und Tutti-Szenen vermag Zámečníková mit vokaler Selbstsicherheit, Ästhetik und darstellerischem Engagement zu punkten – dies ist umso erstaunlicher, da ihr durch ihr kurzfristiges Einspringen wohl nur wenig Zeit zu szenischen Proben geblieben ist.
Fazit:
Mit Slávka Zámečníková konnte für die erkrankte Nadine Sierra mehr als nur ein adäquater Ersatz gefunden werden! Mit ihrem mädchenhaften und hell timbrierten Sopran erfüllt sie bei ihrem Rollendebüt die vokalen Anforderungen Nannettas auf überaus hohem gesangstechnischen Niveau!

© Markus Guggenberger

Titelbild: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Michael Volle, Ensemble) / Photo-©: Matthias Baus – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

Abb.1: http://www.wikipedia.de (Giuseppe Verdi) / Photo-©: urheberrechtsfrei
Abb.2: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Ensemble) / Photo-©: Matthias Baus – honorarfrei
Abb.3:  http://www.wikipedia.de (Arrigo Boito) – Portrait / Photo-©: N.N. – urheberrechtsfrei
Abb.4: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Jürgen Sacher, Michael Volle, Stephan Rügamer) / Photo-©: Matthias Baus – honorarfrei
Abb.5: http://www.wikipedia.de (Giuseppe Verdi) / Photo-©: Giacomo Brogi – urheberrechtsfrei
Abb.6: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Michael Volle) / Photo-©: Matthias Baus – honorarfrei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s